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Kommunales Kino Oberkirch
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Programm

01.10.2019 - 20:00

TRANSIT D/F 2018: R: Christian Petzold

Zweiter Film der Franz-Rogowski-Reihe:

Vor fast achtzig Jahren schilderte Anna Seghers in „Transit“ die Not der deutschen Emigranten. Christian Petzolds Film übersetzt den Roman in unsere Gegenwart.

Um Haaresbreite entgeht Georg in Paris im Jahr 1942 einer Verhaftung durch die Nazis und somit der Deportation in ein Arbeitslager. Zufällig kommt er an die Papiere des verstorbenen Schriftstellers Weidel. Unter dessen Identität flieht er nach Südfrankreich, um politisch Gleichgesinnte zu treffen. In Marseilles verliebt er sich in Marie, aber Marie hofft immer noch auf eine Rückkehr ihres Ehemanns aus dem Krieg. Und während sie nach Südamerika möchte, will Georg in Frankreich bleiben.

In seinem neuen, auf dem gleichnamigen Roman von Anna Seghers beruhenden Film TRANSIT transferiert Christian Petzold die Geschichte der deutschen Besatzung des Zweiten Weltkriegs wird ins Hier und Jetzt des heutigen Marseille, was den Zuschauer im ersten Moment befremden mag, den Film aber zusehends öffnet und der Geschichte etwas Allgemeingültiges verleiht. Die Bilder, die der Kameramann Hans Fromm einfängt, sind großartig und faszinierend und schaffen immer wieder neue Perspektiven und damit eine dem Thema gerecht werdende Atmosphäre. Sie vereinen das verheißungsvoll helle Licht einer Stadt am Meer mit der dunklen Enge der kleinen Gassen, in denen sich Menschen auf der Flucht verstecken und aneinander vorbeihuschen. Neben der Bild- und Klangkulisse beeindruckt der Film auch und vor allem durch seine grandiosen Darsteller, die sich im Liebes- und Handlungsreigen miteinander verstricken. Allen voran Franz Rogowski als Georg und Paula Beer als Marie, die eindrucksvoll unter Beweis stellen, warum sie zu den aktuell gefragtesten Nachwuchsdarstellern gehören. Die Dialoge sind reduziert und stellen sich dank des deutlichen Mienenspiels der Darsteller in den Hintergrund. Wie in einem vorsichtigen Katz- und Maus-Spiel agieren die Figuren miteinander. Zusammen mit dem klug eingebauten Kommentar einer beobachtenden und erzählenden Figur (Matthias Brandt) wird so eine dichte Atmosphäre erzeugt, die für anhaltende Spannung sorgt. TRANSIT von Christian Petzold ist ein gefühlvoll erzähltes und großartig inszeniertes Drama über Menschen auf der Flucht, zwischen der Suche nach einer Heimat und der Sehnsucht nach dem Entkommen.

„Transit“ ist kein Kostümfilm. Niemand trägt darin ein Kleid oder fährt ein Auto von 1941. Die Fassaden, die Stoffe, die Technik sind auf dem Stand von heute (wenn man vom Luftraum absieht, der für die Erzählung gesperrt ist). Damit stürzt ein ganzes altvertrautes Kinogenre in sich zusammen. Die fleißigen Rekonstrukteure der großen Studios, die Szenen-, Kostüm- und Maskenbildner, deren Gewerbe derzeit wieder mächtig blühen, würden allesamt arbeitslos, wenn es nach „Transit“ ginge. Man kann die Wirkung dieses filmischen Großversuchs nicht hoch genug einschätzen. Alles, worauf die Branche hoffen konnte, war, dass der Trick bei Petzold nicht funktioniert. Aber er klappt.

15.10.2019 - 20:00

IN DEN GÄNGEN, D 2018; R. Thomas Stuber

Ein Großmarkt ist nicht gerade ein Sinnbild für Heimeligkeit. Die endlosen Gänge, die riesigen Regale, der Geruch von Plastik und Pappe, das gellend kalte Neonlicht und hier und da ein Mitarbeiter in einem praktisch-widerstandsfähigen Kittel, der stumm vor sich hin Waren sortiert oder auch einen Gabelstapler durch die Gegend fährt. Und doch kann ein Großmarkt ein geschützter Raum sein. So wie in Thomas Stubers "In den Gängen".

Chris hat eine dubiose Vergangenheit, die ihn in Gestalt zweier zwielichtiger Gestalten mit reichlich Alkohol im Einkaufswagen zwischen den Regalen einholt. In dem Großmarkt versucht er einen Neuanfang. Immer ein wenig linkisch und mit scheuem Blick spielt Rogowski diesen Chris. 

In diesem Großmarkt irgendwo im Osten der Republik arbeiten Menschen, die in ihrem Leben ab und zu falsch abgebogen sind, von der Gesellschaft abgehängt wurden oder einfach kein Glück hatten. Die Routine und die Rituale dieses Großmarktes geben ihnen eine Heimat. Wenn es zur Nachtschicht zum Warensortieren geht, begrüßt Chef Rudi (Andreas Leupold) seine Mitarbeiter motivierend über die Lautsprecheranlage und legt eine seiner Lieblings-CDs ein. Zum Schichtende verabschiedet er sich per Handschlag von jedem Einzelnen.

»In den Gängen« bietet einen intimen Einblick in die Abläufe eines Arbeitsplatzes und in die Gemeinschaft, die ihn zusammenhält. Nur drei Schlenker macht der Film nach draußen, drei kleine Exkursionen ins Leben von Christian, der sich in einer kleinen dunklen Wohnung nach der nächsten Be­gegnung mit Marion sehnt, von Marion, die in einem schön eingerichteten, hellen Haus unglücklich verheiratet ist und von Bruno, der sich durch die Fenster seines heruntergewirtschafteten Gartenhäuschens mit den vorbeifahrenden Lastwagen nach der Freiheit der Straße sehnt. In wenigen Augenblicken sind hier ganze Lebensgeschichten skizziert.

05.11.2019 - 20:00

DIE GRÜNE LÜGE; Österreich 2017; R. Werner Boote MEDIATHEK

Zusammen mit PAuLA und BUND-Renchtal zeigen wir in unserer Umweltfilm-Reihe "Die Grüne Lüge" in der Mediathek:

Kann man mit dem Konsum von als "fair" und "nachhaltig" deklarierten Produkten die Welt retten? Oder sind das vor allem grüngewaschene Marketingideen profit-orientierter Konzerne, die so den Absatz ankurbeln wollen? Diesen Fragen geht der renommierte Dokumentarfilmer Werner Boote gemeinsam mit der Greenwashing Expertin Kathrin Hartmann auf einer Recherchereise um die Welt nach. Die beiden Reisenden zeigen auf, welch Unterschiede klaffen zwischen dem, wie Konzerne produzieren und wie sie ihre Waren auf dem Markt anpreisen. Es geht z.B. um Palmöl, das sich in rund der Hälfte unserer Supermarktprodukte befindet und das so gut wie gar nicht nachhaltig produziert werden kann. Es geht um Elektroautos, um Konzerne wie BP und RWE und Ideen von einer gerechteren, demokratischeren Wirtschaftsordnung.

Filme wie dieser geraten leicht unter den Verdacht, ein preaching to the converted zu betreiben. Wer, der nicht schon skeptisch gegenüber den »Greenwash«-Kampagnen der Konzerne ist, sieht sich einen Film mit dem Titel »Die grüne Lüge« an, in dem eben dies anhand einer Reise durch die Welt von Produktion und Konsum »natürlicher« und »nachhaltiger« Dinge wie Palmöl oder Elektroautos belegt wird? Man kann dieser Falle entgehen, indem man neue Fakten recherchiert, sinnliche Eindrücke und persönliche Autorität zusammenbringt, vielleicht ein wenig formalen Thrill erzeugt und schließlich das Recherchierte in einen größeren Zusammenhang bringt. Von alledem tut Werner Boote in diesem Film etwas, der direkt an die Vorgänger »Plastic Planet« (über den Kunststoffmüll) und »Population Boom« (über Überbevölkerung und Verteilungsungerechtigkeit) anknüpft. Aus einem ganz persönlichen Gestus heraus beginnt diese Reise: »Mir wird gesagt, dass ich die Welt retten kann.« Man muss nur die richtigen Packungen im Supermarkt wählen und den Versprechungen zur »Nachhaltigkeit« glauben. Die Reise, die der Filmer unternimmt, wird mit Kathrin Hartmann geteilt, die seit Jahr und Tag den Desinformationen der Konzerne auf der Spur ist und einige Bücher zu diesem Thema veröffentlicht hat. Die beiden spielen ein wenig das Good Cop/Bad Cop-Spiel: Boote gibt den naiv Fragenden, der gern auch mal Fünfe gerade sein ließe, Hartmann ist für die unerbittlichen und bestens informierten Nachfragen zuständig. So gelingt es den beiden hier und da, die Mauer zu durchbrechen, die die Public-Relations-Maschinen der Konzerne aufgebaut haben; beinahe wichtiger aber ist, dass gezeigt wird, wie sie funktionieren. Auf der anderen Seite besucht man Menschen, die Widerstand gegen die Umweltzerstörung leisten. Die Quintessenzen liefert schließlich ein sparsamer Off-Kommentar. Eine zentrale Aussage des Films ist die direkte Kritik an einer Politik, die die Verantwortung für ökologisch und sozial akzeptable Ware den Verbrauchern zuschiebt und keinen Schutz vor irreführender Werbung wie der von einer »Nachhaltigkeit« der Palmölproduktion bietet, durch die Regenwald vernichtet und Menschen vertrieben werden.