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Kommunales Kino Oberkirch
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Programm

29.01.2019 - 20:00 Uhr

CAPTAIN FANTASTIC; US 2016; R. Matt Ross

 

Ben Cash und seine sechs Kinder leben abseits der Zivilisation tief in den Wäldern des US-Staates Washington. In mühsamer Handarbeit haben sie sich ein kleines Paradies geschaffen, wo sie sich selbst versorgen und ihren Kindern alles beibringen können, was sie zum Überleben in der Wildnis brauchen. Auch ihre schulische Bildung kommt nicht zu kurz. Doch als die Mutter unerwartet stirbt, bringt Ben seine Zöglinge zum ersten Mal in ihrem Leben hinaus in die moderne Zivilisation.

Bodevan, Kielyr, Vespyr, Rellian, Zaja, Nai: die Namen der Kinder von „Captain Fantastic“ klingen ein wenig so, als hätte sie ein moderner Ossian erfunden, ein Sagenschreiber, der aber auch Modemarken branden könnte. Die Sache ist schnell erklärt. In dieser Familie ist jedes Mitglied so individuell, dass es nicht auf einen Namen hören sollte, den andere auch tragen. Draußen ist die Welt, in der ein Donald, der Präsident werden will, den Vornamen mit einem Enterich teilt, der nie ein Geschäftsimperium haben wird. Daraus ist nicht sofort abzuleiten, dass in dieser Welt alles auf Konformismus hinausläuft. Sicher aber ist, dass Bodevan, Kielyr, Vespyr, Rellian, Zaja und Nai nicht konform gehen: nicht mit der Welt, nicht mit dem Lehrplan der Schulen und sicher nicht mit der herrschenden Ideologie.

 

Eigentlich ist die Handlung eine Steilvorlage für allerlei Witze über weltfremde Hippies, die sich in der Konsumwelt zurechtfinden müssen und ganz nebenbei etwas Gesellschaftskritik äußern. Peace alter, und warum seid ihr eigentlich alle so fett in Amerika? Wer Mortensens Laufbahn verfolgt hat weiß, dass dieser sich bisher nie für belanglosen Blödsinn hingegeben hat, Banalität ist hier tatsächlich auch nicht zu befürchten. Anstelle von plumper Moral und lahmen Gags stellt Regisseur Matt Ross die Familie in den Mittelpunkt, die dem Zuschauer spätestens beim gemeinsamen Musizieren am Lagerfeuer so richtig ans Herz wächst. Die Kinderdarsteller machen einen mindestens genau so guten Job wie ihre erwachsenen Co-Stars. Ihre Charaktere wirken die meiste Zeit glaubhaft, der Zusammenhalt der Aussteigerfamily wird dabei anschaulich vermittelt. Natürlich gibt es darin die üblichen Rebellen, Vorbilder, Idealisten und Zweifler, doch das ändert nichts an den gelungenen Darbietungen, gegen die auch ein grundsolider Frank Langella nicht ankommt. Obwohl er routiniert auf dem schmalen Grat zwischen fürsorgendem Großvater und konservativem altem Knacker wandelt, bleiben die Sympathien stets bei Ben und seinen Kindern.

21.02.2019 - 20:00 Uhr

RAUM; GB 2013; R. Lenny Abrahamson

Der aufgeweckte fünfjährige Jack hat sein ganzes bisheriges Leben gemeinsam mit seiner Ma in einem einzigen, kleinen Raum mit nur einer Dachluke zugebracht. Seine Ma kümmert sich liebevoll um ihn und verschleiert die Wahrheit, dass sie gefangen gehalten werden und von der Außenwelt abgeschnitten sind, mit phantasievollen Erzählungen. Schließlich gelingt ihnen die Flucht, doch die Welt draußen ist für beide fremd und beängstigend.

Ma (Brie Larson) ist eine junge Frau, die seit ihrer Entführung als Teenagerin in einem kleinen Schuppen lebt und dort ihren mittlerweile fünfjährigen Sohn Jack (Jacob Tremblay) aufziehen muss. Für Jack ist dieser winzige Raum alles, was er von der Welt kennt. Ihnen gelingt die Flucht, doch für den kleinen Jack bedeutet das, dass er nun eine völlig neue Welt kennenlernen muss. Und auch seine Mutter muss sich erst an das ihr inzwischen fremd gewordene Leben dort draußen gewöhnen.

Hintergrund & Infos zu Raum
Lenny Abrahamsons Drama Raum (OT: Room) erhielt vier Nominierungen für die Oscars 2016: in den Kategorien Bester Film, Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Regie und Beste Hauptdarstellerin. Brie Larson wurde letztlich als beste Hauptdarstellerin geehrt, während sich Raum in den anderen drei Kategorien der Konkurrenz geschlagen geben musste.

Das Drama Raum des 1966 in Dublin geborenen Filmemachers Lenny Abrahamson feierte seine Weltpremiere im September 2015 auf dem Toronto International Film Festival. Dort wurde Raum mit dem People’s Choice Award ausgezeichnet. Raum basiert auf dem 2010 veröffentlichten Roman Room der irisch-kanadischen Schriftstellerin Emma Donoghue, die auch das Drehbuch entwickelte.

26.02.2019 - 20:00 Uhr

DAS WUNDER VON MALS; I/A 2018; Kooperation mit PAuLA und BUND-Renchtal

BUND-Renchtal, PAuLA und das Kommunale Kino zeigen mit dem Dokumentarfilm, wie sich ein Dorf  in Südtirol gegen Monokulturen und Umweltzerstörung in der Landwirtschaft wehrt und Alternativen aufzeigt.

Seit dem Ende der Nullerjahre verschandelt der konventionelle Apfelanbau mehr und mehr die Landschaft in Südtirol. Die Monokulturen rücken immer tiefer in die Alpentäler vor. Sie nehmen Flächen ein, auf denen bisher Kälber und Kühe weideten und Landwirte Gemüse und Getreide anpflanzten.

Apfel-Monokulturen, die der Biodiversität schaden sind das eine Problem. Ein anderes, noch viel schlimmeres, sind die krankmachenden Pestizide, die beim Obstanbau eingesetzt werden. Denn der giftige Sprühnebel, der bis zu 20 Mal im Jahr auf den Obst-Anbauflächen versprüht wird, verteilt sich durch den Wind über das gesamte Dorf.

In seinem Film „Das Wunder von Mals“ berichtet der Dokumentarfilmer Alexander Schieber wie sich eine Handvoll Malser gegen Pestizide und gegen eine übermächtige Lobby aus Obstbauern, Bauernbund, Landesregierung und Konzerne zur Wehr setzt. Bei einer Volksabstimmung entscheiden sich schließlich 76 Prozent der Bürger für eine Zukunft ohne Glyphosat und Co. Mals soll zur ersten pestizidfreien Gemeinde Europas werden.

Der Film zeigt einen ungleichen Kampf á la „David gegen Goliath“. Er berichtet über die Existenzbedrohung von Bio-Bauern, die Gesundheitsgefahren in der Bevölkerung, den Klimawandel, Biodiversität und Landwirtschaftspolitik und will schlussendlich zeigen, wie wir gemeinsam die Wende in der Landwirtschaft herbeiführen können.

12.03.2019 - 20:00 Uhr

303 ; D 2018; R. Hans Weingärtner

Roadmovie und der Sommerfilm des Jahres: Hans Weingartner lässt in "303" zwei liebenswert verstrahlte Menschen im Wohnwagen durch halb Europa kurven.

Jule macht sich mit ihrem Mercedes 303 Camper auf den Weg nach Spanien, um dort ihrem Freund, der dort lebt, mitzuteilen, dass sie schwanger ist. Unterwegs nimmt sie den Tramper Jan mit. Der Grund seiner Reise ist ein ganz anderer. Er ist auf der Suche nach seinem leiblichen Vater. Auf der langen Fahrt führen Jule und Jan viele tief gehende Gespräche, sodass sich die beiden im Laufe der Zeit immer näherkommen.

Ein Film, der Raum und Zeit erfahrbar macht

Europa im Schneckentempo, Liebe auf Schleichwegen: "303" ist ein Film, der Raum und Zeit erfahrbar macht. Einen "Anti-Tinder-Film" hat Regisseur und Drehbuchautor Hans Weingartner ihn selbst genannt. Der kleinen Wischbewegung setzt er ein ausholendes Tasten entgegen. Ewig bauen die Charaktere den Grill auf und ab, sie schrauben den Tankdeckel auf und zu, öffnen sich vor dem anderen und machen wieder dicht. 145 Minuten geht das so. Erstaunlicherweise könnte der Film für uns noch länger dauern. Trotzdem: Kissen unterlegen!

26.03.2019 - 20:00 Uhr

LUCKY; USA 2017; R. John C. Lynch

Der geniale Harry Dean Stanton (Paris, Texas) hat kurz vor seinem Tod eine letzte Hauptrolle geschenkt bekommen: In "Lucky" spielt er eine knurrige Version seiner selbst, die sich vom Leben verabschiedet.

Der 90-jährige Lucky lebt allein in der Einöde, irgendwo im Südwesten Amerikas. Er ist alleine, doch nicht einsam. Für sein Alter ist er außerdem erstaunlich agil: Jeden Tag beginnt er mit Yoga, dann kauft er sich ein paar Zigaretten und verbringt den Abend in der Bar um die Ecke. Doch eines Tages erlebt er einen Schwächeanfall und beginnt, sein Leben zu hinterfragen.

Lucky" mag ein stiller Film sein, subtil ist er nicht. Exakt in der Mitte ertönt die Johnny-Cash-Version von "I See a Darkness", am Ende singt Harry Dean Stanton das Trennungslied "Volver Volver", geht wieder trinken, sagt ein paar besonders grundlegende Sätze - und schenkt uns ein wunderschönes Lächeln zum Ende hin.

Harry Dean Stanton starb im Herbst 2017 im Alter von 91 Jahren; so wurde sein Auftritt im Regiedebüt des Schauspielers John Carrol Lynch zu seiner letzten Rolle. Die Titelfigur ist ihm in mehr als einer Hinsicht auf den Leib geschrieben und damit zum speziellen Vermächtnis an den Kinozuschauer geworden.

»Harry Dean is LUCKY« steht im Vorspann des Films. Das bedeutet in diesem Fall mehr als dass der Schauspieler hier eine Figur namens Lucky verkörpert: Die Rolle ist Stanton auf den Leib geschrieben, sie wurde für ihn (und aus ihm) entwickelt; der Schauspieler und Produzent Logan Sparks, einer der beiden Drehbuchautoren, war lange Jahre befreundet mit Stanton, einem der großen Nebendarsteller des amerikanischen Kinos, mit denkwürdigen Auftritten unter anderem in John Carpenters »Die Klapperschlange«, Ridley Scotts »Alien«, Arthur Penns »Duell am Missouri« und Robert Altmans »Fool for Love«. Seine besten Jahre vor der Kamera hatte er zu den Zeiten von New Hollywood, als aus Nebendarstellern wie Gene Hackman plötzlich Stars wurden und besagten »character actors« größere Parts anvertraut wurden. Mit der Hauptrolle in Wim Wenders' »Paris, Texas« erreichte Stanton dann 1984 ein ganz anderes Publikum. An das Kino des New Hollywood erinnert »Lucky« im besten Sinne, sein Plot ist minimal, im Vordergrund stehen die Figuren und ihre Eigenheiten.

07.05.2019 - 20:00 Uhr

Kino Frankreich: EINE BRETONISCHE LIEBE; F 2017; R. Carine Tardieu

Erster Film unserer Reihe "Kino Frankreich": Mit charmanter Leichtigkeit widmet sich Carine Tradieu in ihrer klugen, kunstvollen Komödie den großen Themen der menschlichen Existenz mit einem hervorragenden Cast,

Jede Familie hat ihre Geheimnisse, lebt mit den kleinen und großen Lügen, den Brüchen des eigenen Daseins. Die einen halten sie unter der Oberfläche der bürgerlichen Existenz verborgen, andere tragen sie offen zur Schau und wieder andere wissen gar nichts von den eigenen Geheimnissen – so wie Erwan (François Damiens). Er ist Bombenentschärfer. Einst rettete er Leben in den Krisenregionen dieser Welt, doch als seine Frau starb, kehrte er nach Frankreich zurück, um sich um die gemeinsame Tochter Juliette zu kümmern. Die ist nun erwachsen – und schwanger. Von wem, weiß sie nicht oder gibt vor, es nicht zu wissen. Um einen genetischen Defekt auszuschließen, den einige Familienmitglieder tragen, machen sie und Erwan einen DNA-Test. Der bringt zutage, dass der Mann, den Erwan seit mehr als 40 Jahren für seinen Vater gehalten hat, gar nicht sein biologischer Vater ist.....

Selten hat jemand mit so viel Witz und Ernsthaftigkeit zugleich von den Tragödien der menschlichen Existenz erzählt. »Ich dachte, meine Familie sei banal«, sagt Erwan einmal. Banale Familiengeschichten? Die gibt es nicht – schon gar nicht so schön und clever erzählt.

Die beiden Hauptdarsteller Damiens und de France sind ebenso wie alle anderen Darsteller einer der großen Glücksgriffe Tardieus: Damiens als gutmütiger, etwas unbeholfener Erwan mit viel Sinn für Humor, und de France als selbstbewusste, kratzbürstige und doch verletzliche Anna, die sich um ihren alten Vater kümmert, dabei aber ihr eigenes Leben zu leben vergisst. Beide beweisen bei ihren Treffen jeweils ein mehr als unglückliches Timing in ihrem Agieren und geben doch das perfekte Paar ab. Auch das trägt zum Charme des Films bei.

 

21.05.2019 - 20:00 Uhr

Kino Frankreich: MADAME AURORA, F 2017; R. Blandine Lenoir

Zweiter Film in der Reihe "Kino Frankreich".  Anders als der deutsche Verleihtitel nahelegt, handelt es sich bei der in die Jahre kommenden Aurore um eine flotte, charmante und eigensinnige Heldin.

Mit Erklärungen hält sich dieser Film genau wie seine Hauptfigur lieber nicht auf. Mitten hinein in Aurores Leben taucht die Erzählung, und dieses Leben als geschiedene Mutter zweier erwachsener Töchter ist im Grunde gar nicht so schlecht. Wenn da nicht diese Hitzewallungen wären. Sie rühren wohl von den hormonellen Veränderungen her, die heute statt Wechseljahre eher Menopause genannt werden – beides leicht befremdliche Bezeichnungen, wie Aurore feststellt. Dann kommen noch ein paar Veränderungen hinzu, die ebenfalls an die Nerven gehen: Aurore verliert ihren Job als Bedienung in einem Restaurant, weil der neue Chef dämliche Regeln aufstellt, die sie beim besten Willen nicht akzeptieren kann. Außerdem will Aurores jüngere Tochter zu ihrem Freund ziehen, was bedeutet, dass die geschiedene Frau bald allein wohnen wird. Die ältere Tochter dagegen ist schwanger, und auch die heraufziehende Großmutterschaft stellt Aurores Selbstbild in Frage.

Blandine Lenoir erzählt diese Geschichte vom Verstreichen der Zeit und den damit einhergehenden Anpassungsschwierigkeiten, ohne sich an einen stringenten Plot zu klammern. Mäandernd kommen die Handlungsfäden zusammen, und die Lässigkeit der Inszenierung wie auch des Spiels der großartigen Agnès Jaoui (»Lust auf Anderes«) in der Hauptrolle nehmen sehr schnell für den Film ein.